Dieter Haist

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Fortsetzung: Die Gedenkstätte Breitenau
 

Häftlinge auf Dach zusammengepfercht

Studenten setzten sich mit dem Konzentrationslager Breitenau auseinander / Eine Ausstellung

GUXHAGEN. Gedenkstätte - das Wort weckt bestimmte Erwartungen. Fotos, Akten, Reihen von Texttafeln. Schwarz auf Weiß. Nüchtern. Die Ausstellung im ehemaligen Konzentrationslager Breitenau ist da keine Ausnahme. Seit 1980 forscht hier eine Arbeitsgruppe der Gesamthochschule Kassel. Ihre Dokumentation war in verschiedenen hessischen Städten zu sehen und ist seit 1984 in den Räumen des Landeswohlfahrtsverbandes fest etabliert.

Doch seit wenigen Monaten geschieht in Breitenau etwas Neues, Ungewohntes: In direkter Nachbarschaft zur früheren Klosterkirche, in der ab 1933 politische Gefangene interniert waren, sind Kunstwerke entstanden. Demnächst soll sogar ein Atelier dort eingerichtet werden für einen freischaffenden Künstler. Die Absicht: mit Kunst das strenge dokumentarische Prinzip zu durchbrechen, die Ausstellung "sinnlicher" zu gestalten.

"Jede Generation muss ihre eigene Sprache finden", sagt dazu Dietfrid Krause-Vilmar vom Förderverein der Gedenkstätte. Das Thema Faschismus ist für ihn davon nicht ausgenommen und so betreute der Professor ein Projekt Kasseler Kunststudenten, die sich seit November vergangenen Jahres mit der Geschichte des ehemaligen KZ und Klosters beschäftigten. Um eine "Annäherung" mit Hilfe der Kunst ging es ihnen. Die Ergebnisse stellen sie bis zum 26. Oktober montags bis freitags von 9 - 13 und 14 bis 16 Uhr auf dem Dachboden der alten Zehntscheune aus.

Zwischen Stützbalken und Sparren entstanden fünf Arbeiten. Um das Innen und Außen geht es darin, um die Frage, wie die so genannten Schutzhäftlinge die Enge des Dachbodens erlebten, auf dem etliche von ihnen eingepfercht waren. Die Luken, aus denen sie blickten, sind Gegenstand des Films. Mal erscheinen sie als tanzende Lichtpunkte, mal wir das Außen erkennbar, eine Mauer, der Glockenturm. Endlos wiederholen sich die Bilder, tanzt das Auge der Kamera durch den Raum, projiziert auf die schweren Holzdielen des Dachbodens. Den Ausblick auf den Fuldaberg, wo die Gestapo noch kurz vor Kriegsende 28 Häftlinge ermordete, bannt Barbara Kastor mit einer Lochkamera auf Pergamentpapier. Der geschichtsträchtige Ort erscheint greifbar nah, wirkt in den Raum hinein. Die Namen der Ermordeten selbst vermerkten die Künstler und Künstlerinnen auf sieben Holzstelen, im Kreis aufgestellt. "Unruhige Tote" heißt die Gemeinschaftsarbeit. Umgeben von Stahlplatten, die das äußere unmenschliche System symbolisieren, bilden sie eine stumme Gemeinschaft, deren Erbe, der politische Protest, jedoch lebendig bleibt. Eine Installation erfüllt die oberste Ebene der mehrstöckigen Dachkonstruktion. Zarte bemalte Gewebe durchziehen den Raum wie der Geist verschiedener Zeiten; die Stichworte "9. November" und "Berlin-Berlin" spannen den zeitlichen Bogen zur jüngsten Geschichte. Hochschullehrer Dieter Haist, der das Projekt leitete, setzte Quader aus Glas und Spiegelflächen in den Raum. Sie stellen scheinbar eine Verbindung zur darunter liegenden Ebene des Gefängnisses her.

Ergänzt wird die Ausstellung durch eine Reihe von Plakaten zum Thema, die in der Serigrafie-Werkstatt der Kasseler Hochschule entstanden. "Du deutsches Kind sei tapfer, treu und wahr; laß nie eine Lüge deinen Mund entweihen", mahnt eine der Arbeiten in Sütterlin. Darunter eine Fotografie von Breitenau. Die Ausstellung erfaßt keineswegs die ganze Wahrheit über das Schicksal der Gefangenen. Doch sie arbeitet gegen das Vergessen. Sie ist ein Beitrag derjenigen, die keine Zeitzeugen mehr sind.

 

Elke Bockhorst, Frankfurter Rundschau, 4. September 1990   <<