Dieter Haist

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Fortsetzung: Terezin 1994, Fotoinstallation        
 

Für Künstlerinnen und Künstler der heutigen Generation ist dieses Umfeld mit Sicherheit mehr als schwierig und fordernd, denn sie sind nicht nur mit Räumlichkeiten konfrontiert, denen Aussschluß, Folter und Entwürdigung eingeschrieben steht. Sie begegnen zwangsläufig ungesühnter historischer Last.

Dieter Haist, Jahrgang 43, zeigt in einer sog. Gemeinschaftszelle der kleinen Festung eine Fotoinstallation. Die Zelle, in der bis zu 600 inhaftierte zur Liquidation untergebracht waren, besteht aus einem Betonboden, Steinwänden, einem Streifen Oberlicht und ist durch viel Säulen sowie inzwischen fest eingebauten Trennwänden unterteilt. Dieter Haist lebt in Kassel, einer Stadt, die ihrerseits, wenn auch in ganz anderem Maße, von den Folgen des 2. Weltkrieges betroffen wurde, damals durchsetzt von nationalsozialistischer Ideologie, die inzwischen, wie in vielen Teilen Deutschlands, auch hier wieder verschärft zu hören ist.

Nicht unweit der städtischen Peripherie von Kassel liegt das ehemalige Internierungslager Breitenau. Dort hat Dieter Haist zusammen mit Kollegen erfolgreich den Versuch gestartet, durch künstlerische Eingriffe einen Ort des Gedenkens und Nachdenkens zu schaffen.

Erinnerungsarbeit, gerichtet an unser soziales, politisches Gedächtnis ist auch ein Ausgangspunkt für die Installation in Theresienstadt. Insgesamt 36 großformatige Farbfotos (49 x 65 cm), je umrahmt von dunkeln Metallleisten und mit Glas abgedichtet, liegen als kompakte Objekte indentischer Größe symmetrisch und regelmäßig angeordnet auf dem Boden der Zelle. Der Betrachter blickt also von oben auf die Arbeiten und nimmt damit die Position des Künstlers ein, die dieser für die Aufnahme wählte. Alle Motive wurden in gleicher Stellung, am gleichen Ort, bei gleicher Ausleuchtung und Untergrund mit starrer Kamera in strenger Aufsicht festgehalten. Diese absolute Perspektive von oben muß der Betrachter nachvollziehen, mit der einzigen Ausnahme, daß die eigene Körpergröße und Bewegung den Abstand zwischen Blick und Bild zu definieren vermag. Die Fotos zeigen Frauen, Männer, Kinder jeder Generation, jeder gesellschaftlichen Zugehörigkeit: bunt gestreut vermitteln sie einen repräsentativen Querschnitt durch die Bevölkerung. Es werden Menschen vorgestellt, ohne sie zu porträtieren, denn das Wesentliche, Gesicht und Physiognomie sind durch den extremen Blickwinkel der Kamera nicht sichtbar. Zwischen Betrachter und Bild gibt es keinen Augenkontakt, die Kommunikation ist versperrt.

Mit einem schlichten Kunstgriff wird das, was die Tradition des Genres in Malerei und Fotografie konstituierte, nämlich die charakteristische Wiedergabe und damit Persönlichkeit des Porträtierten unterlaufen. Dies Fotos bleiben anonym und stumm. Bei längerem Hinsehen verstärkt sich dieser Effekt: die Körper wirken konturlos und amorph in sich zusammengesackt. Weder tot noch lebendig stehen sie in ihrem Gehäuse, das der Boden aufzuschlicken droht. Individuelles, wenn überhaupt, wird allenfalls im Sinne einer typologischen Studie erkennbar. Einzelbilder, die ausschließlich auf sich selbst verweisen, abgegrenzt von dem Gegenüber und Daneben: Zellensituation. 

Dieter Haist kommt eigentlich von der Malerei, hat sich aber dabei immer wieder intensiv mit der Fotografie beschäftigt; Ihre Möglichkeiten und Grenzen erprobt. Die Bildserie in Theresienstadt ist das Resultat eines breitangelegten Werkprozesses, der sich mit der fotografischen Darstellung von Menschen beschäftigt. Unmittelbarer Vorläufer ist eine Fotoreihe von Hinterköpfen. Sind hierbei Spekulation über Gesicht und Identität der Modelle noch beabsichtigt, so stellen die Fotos inTheresienstaddt eine radikale Weiterentwicklung von Thema und Sujet dar. Bildidee, wie Ausführung sind somit von der jetzigen Ausstellung unabhängig. Ihr Arrangement allerdings ist vor Ort und in Reaktion auf Vorgefundenes und dort Empfundenes entstanden. Die Fotos sind stark dokumentarisch angelegt, jedoch nicht in der Suche nach Objektivität, als vielmehr in einer authentischen, recht persönlichen Wahrnehmungsweise. Sie richtet sich als stilles Konzept an den Betrachter, wie der Künstler die eigene Autorenschaft durch die Zwischenschaltung einer Apparatur und der Reproduktionsqualität des Mediums selbst in den Hintergrund stellt. Die Präsentation der Fotos in einem von Geschichte stigmatisierten Raum im Raum ist der Versuch, Substanz und Sprache von Bildern, die in unserem mediatisierten Alltag untergehen, zu reaktivieren, um über die visuelle Botschaft einen Dialog zu eröffnen. Vorsichtig vergegenwärtigt Dieter Haist dabei den Ort des Geschehens, wenn er einen schwarzen, feinen Faden in Augenhöhe entlang der Säulen und Wände der Zelle spannt und damit einen Raum schafft. 

Ein imaginäres, nicht greifbares Volumen, das vielleicht Zuversicht und Ausblick heißen kann."


Doris Krininger, Pressetext, 1994   <<