Dieter Haist

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Zeit des Sehens, Zeit der Dinge


Vom Ideal des europäischen Bildes wird seit der Antike in unzähligen Mimesis-Legenden erzählt. Ein Bild sollte "Nachahmung der Natur" sein, und zwar auf eineso realistische Weise, daß der Betrachter das bildlich Gezeigte im Grenzfall für die dargestellte Sache selber halten mag. Techniken der Erzeugung perfekter bildlicher Illusion soll schon der Maler Zeuxis im antiken Griechenland virtuos beherrscht haben. Wie eine der berühmtesten Mimesis-Legenden erzählt, malte er Trauben so täuschend "echt", daß Vögel sich auf sein Bild herabstürzten, um an den gemaltenTrauben zu picken. Die Geschichte von Zeuxis mag Legende sein; gerade als solche formulierte sie freilich ein Ideal, das für die europäische Kunst über Jahrhunderte verbindlich blieb.
                                                                                                                                                                                       In der Kunst der Neuzeit schien man diesem Ideal mittels zentralperspektivischer Bildkonstruktionstechniken endlich nahegekommen zu sein. Denn diese Techniken erschienen Vielen als eine Möglichkeit, eine Sache so "naturalistisch" zu zeigen,wie wir sie "wirklich" sehen, d.h. - wie Johann Heinrich Lambert in seiner Definition der Perpspektive im Jahre 1774 schrieb - "wie sie in einer gewissen Entfernungin die Augen fällt". Doch ist der vermeintliche "Realismus" des neuzeitlichen, zentralperspektiven Bildes selbst anderes als Legende? Zeigt es die Dinge tatsächlich so, wie wir sie sehen?
                                                                                                                                                                                 Daß dies keineswegs der Fall ist, weiß man inzwischen. Denn ein zentralperspektivisches Bild zeigt die Welt, wie sie für ein einzelnes, kameraartig fixiertes Auge in einem isolierten Augenblick erscheint. Es abstrahiert von der Dimension der Zeit des Sehens ebenso wie von der essentiellen Zeitlichkeit der Dinge. Alles, was wir sehen, existiert aber in der Zeit, verändert sein Aussehen von Augenblick zu Augenblick abhängig von so unterschiedlichen Faktoren wie Betrachterstandpunkt, Umgebungslicht oder Bewegung - rasch oder unmerklich langsam. Von einer zeitlosen visuellen Identität der Dinge wissen wir nichts. Doch mehr noch: Unser Sehen selbst ist ein Akt in der Zeit, ein manchmal flüchtiges, manchmal intensives, immer freilich temporär erstrecktes Abtasten der Sichtbarkeitsgestalt der Dinge, in dessen Zuge sich das jeweilige Gesichtsbild als Überblendungs- bzw. Verschmelzungsprodukt sukzessiver Augenbewegungen ergibt. Wie der amerikanische Philosoph Nelson Goodman pointiert schrieb: Ein fixiertes Auge in einem isolierten Moment dagegen ist "blind". So sehr wir deshalb auch immer noch an die Legenden von der Wirklichkeitstreue zentralperspektivischer Bilder glauben mögen; in dem Maße, in dem sie von der Zeit der Dinge und der Zeit des Sehens abstrahieren,"ahmen" sie die Wirklichkeit jedenfalls nicht so "nach", wie wir sie wirklich sehen.Dieter Haists neue Bilder machen die Zeit der Dinge und die Zeit des Sehens, von denen das neuzeitliche Bild absah, ausdrücklich zu Thema. In Serien gleichsam als experimentelle Versuchsreihen angelegt, loten sie die Spielräume des Aufeinandertreffens jener beiden Zeitlichkeiten, die die Wirklichkeit unseres Sehens konstituieren, systematisch aus. Denn Haist hebt sie im Entstehungsprozeß seiner Bilder sozusagen heraus, läßt sie auf unterschiedliche Weisen einander begegnen und - alsFolge dieser bewußt arrangierten Begegnungen - zu ungewöhnlichen Sichtbarkeitsgestalten von Zeit verschmelzen. 
                                                                                                                                                                              Dieter Haist verwendet dazu in seinen Arbeiten einen Flachbettscanner, der ihm die Möglichkeit bietet, den zeitlichen Prozeß des Sehens dadurch zu simulieren, daß der Vorgang der Bilderfassung und -fixierung von darauf platzierten Gegenständen in die Zeit erstreckt wird. In einem von Haist vorherbestimmten, teilweise mehrere Minuten andauernden Prozeß tastet dieser den Gegenstand unerbittlich ab - in sachlicher Gleichmäßigkeit ohne die Hektik und Sprunghaftigkeit, die die sukzessiven Bewegungen unsere Augen beim natürlichen Sehen häufig auszeichnet - und setzt ihn in jenes gleichsam neutrale, manchmal "klinisch" anmutende Licht, das seine neuen Bilder auszeichnet. Die Zeit, die der Scanner zum Abtasten des Gegenstandes benötigt, läßt Haist auf die Zeitichkeit des abgebildeten Gegenstandes treffen. Denn er läßt die gezeigten Gegenstände nicht statisch auf dem Scanner liegen, sondern bewegt sie auf ihm, teils konstant in einer kontinuierlichen, einsinnig gerichteten Drehbewegung, teils - wie es scheint - auch in abrupten, diskontinuierlichen Rhythmen. So läuft die Zeit, in der der Scanner den Gegenstand abtastet, der Zeit, in der Haist ihn bewegt, manchmal parallel, manchmal entgegen. Immer jedoch begegnen sich in diesen Bildern zwei zeitliche Verlaufsbewegungen, die im fertigen Bild zur Einheit einer augenblicklichen Ansicht miteinander verschmolzener Zeitverläufe gerinnen. Wie die Titel von vielen von Haists neuen Arbeiten zeigen, sind diese Kon- oder Divergenzen zweier Zeitverläufe dasjenige, was ihn im eigentlichen Sinne interessiert. Der Gegenstand als solcher ist gleichgültig. Haist kann profane Dinge wie Perlen, Blockflöten, Fußbälle oder Möhren (!) verwenden. In einigen Fällen benutzt er auch Uhren, die dann nicht nur symbolisch auf das Thema seiner Arbeiten verweisen, sondern mit der zeitmessenden Bewegung der Zeiger eine weitere Verlaufsdimension von Zeit in das Bild hineinbringen. Was der dargestellte Gegenstand aber auch immer sei: Stets kommt es ihm auf das an, was aus dem gelegentlich harmonischen, gelegentlich aber auch schmerzhaften Aufeinandertreffen der zeitlichen Verlaufsbewegungen als autonomes Bild von Zeit entsteht.

 

Prof. Stefan Majetschak, Berlin   <<