Dieter Haist

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Zenbilder

"Die Wahrheit des Seins ist ein Schatten der Wahrheit des Zen." (Rafael Capurro)

 

Die Serie "Zenbilder" von Dieter Haist scheint an diese Schatten der Wahrheit des Seins zu erinnern, wirken sie doch zunächst wie vorbeihuschende Fragmente einer größeren Wirklichkeit.

 

In der traditionellen Zen-Malerei spiegelt sich die Wahrheit des Seins bereits VOR dem Denken, VOR der Sprache und VOR der Handlung und kann mit keiner Sprache und keinem Ausdruck dargestellt werden. Die Abbildung dieser Erfahrung beruht also nur auf dem Moment, dem Schatten oder dem absoluten Nichts. Die Zen-Malerei existiert demnach "Vor-bildlich".

 

"Höre das Klatschen der einen Hand" lautet die Aufgabe des Zen-Meisters an den Schüler, um diesen im "Vor-Denken" zu üben, dem Bereich, der dem logischen und kausalen Denken voraus geht. Der Schüler meint zu wissen, dass das Geräusch des Händeklatschens von zwei Händen verursacht wird. Lernt er den Weg der Logik und Kausalität zu verlassen, kann das Phänomen selbst in seiner Unbegründetheit zum Vorschein kommen.

 

Die Zen-Malerei fordert die vollkommene Identifikation des Künstlers mit dem Instrument seiner Mal-Technik. Sie ist die sehr eindringlich zu erlebende Versenkung, die Konzentration auf das Wesentliche in der Leere eines weißen Blattes. Es gibt kein Zögern, keine Änderung, keine Ablenkung, keine Verbesserung - einmal ausgeführt, entzieht sich das Resultat jeglicher Manipulation. Das Bild IST.

 

Es entsteht bereits im Kopf, nicht im Prozess der bewussten Bildproduktion. Es entsteht, be-vor es vom Bewusstsein wahrgenommen werden kann.

 

Entscheidend für die Entstehung ist der richtige Augenblick, die vollkommene Überzeugung, die vollkommene Übereinstimmung, die höchste Spannung und die maximale Loslösung. Wenn Logik und Überlegung sich zwischen Farbe und Papier schieben, verliert sich die Spannung, der Effekt, der Ausdruck. Jeder Strich besitzt so seine eigene Individualität. Das Bild existiert einfach.

 

Dieses Resultat ist in den Zenbildern von Dieter Haist zu spüren. Jedes Bild strahlt ein Eigenleben, eine eigene Energie aus.

 

Und doch ist es der Künstler Haist selbst, der die Tradition der Zen-Malerei für seinen eigenen Ausdruck nutzt. Er ist weit davon entfernt, sie als Technik einfach zu kopieren. Was scheinbar zufällig und spontan wirkt wie schnell hingeworfene Zeichen, unterliegt der absoluten Kontrolle des Künstlers. Bei der Entstehung spielen unterschiedliche Geschwindigkeiten eine Rolle. Haist entscheidet in jedem Augenblick über Ausdruck, Bewegung und die Richtung, die im Bild vorherrscht.

 

Der moderne Minimalismus westlicher Ausprägung hat bereits in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts seine Wurzeln in der Tradition des asiatischen Zen entdeckt. Immer wieder greifen seitdem westliche Künstler die Techniken der Malerei unterschiedlicher Zen-Schulen auf, vergleichbar einem Akt der vollkommenen Reinigung.

 

Auch in den Zenbildern von Dieter Haist wird die Fläche vom Künstler neu in Besitz genommen. Er fängt quasi bei Null an und schafft so den Raum für neue Richtungen. Was angedeutet und weggelassen wird, ist oft wichtiger und ausdrucksvoller als das Gemalte. Die Sparsamkeit der Mittel, das Zurückführen auf das Wesentliche existiert wie eine zeichnerische Kurzschrift.

"Große Fülle muss wie leer erscheinen, so wird sie unerschöpflich in ihrer Wirkung".

(Tao-te-king)

 

Insofern sind die Zenbilder reduzierte Sprech- und Bildelemente, vergleichbar einem Ostinato in der Musik oder der treibenden Energie der Minimal-Music.

 

Ingrid Roberts, 1995   <<